Interview mit Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit zum Thema Invasive Stechmücken
Interview mit Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit – Abteilungsleiter der Arbovirologie & Entomologie am Tropeninstitut in Hamburg und HERMES Arzneimittel GmbH, Lisa Arnold - PR Managerin

1. Invasive Stechmückenarten
Frage: Das Thema invasive Stechmücken wird seit einigen Jahren medial immer präsenter. Was ist dran an der Zunahme invasiver Stechmückenarten?
Antwort Schmidt-Chanasit: Auch in Europa beobachten wir eine Ausbreitung invasiver Stechmücken. Das betrifft nicht nur die Asiatische Tigermücke, die häufig in den Medien auftaucht, sondern auch die Japanische und die Koreanische Buschmücke, die ebenfalls Infektionserreger übertragen können. Auch mit diesen invasiven Arten müssen wir uns also beschäftigen.
Frage: Welche invasiven Stechmückenarten sind und werden noch in Deutschland und Europa relevant?
Antwort Schmidt-Chanasit: Hier ist – insbesondere auch aus medizinischer Sicht – die Asiatische Tigermücke hervorzuheben. Die japanische und koreanische Buschmücke sind ebenfalls relevant, wobei ihre Fähigkeit, Erreger zu übertragen, nicht das Niveau der Tigermücke erreicht. Auch die Gelbfiebermücke sollten wir im Auge behalten. Zwar hat sie sich zumindest bisher nicht so stark ausgebreitet wie die Tigermücke, es kann aber durchaus sein, dass sie künftig in bestimmten Gebieten Europas eine gewisse Relevanz erlangen wird.
Frage: Woher kommen diese Arten und wie haben sie sich hier verbreitet?
Antwort Schmidt-Chanasit: Die Asiatische Tigermücke als wichtigste invasive Art kommt ursprünglich aus dem ostasiatischen Raum und hat sich in den letzten Jahrzehnten weltweit stark ausgebreitet – insbesondere in Europa, ausgehend von Albanien. Mittlerweile kommt sie in ganz Italien vor und eben auch in Deutschland, wo sie vor allem in Südwest-Deutschland im Rheingraben verbreitet ist – von Freiburg bis hoch nach Frankfurt ist quasi alles voll mit Tigermücken. Aber auch in Berlin wurde sie schon nachgewiesen.
Frage: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Ausbreitung in Deutschland ein?
Antwort Schmidt-Chanasit: Da es klimatisch möglich ist, wird sich die Tigermücke in den nächsten Jahren mit Sicherheit in fast ganz Deutschland ausbreiten. Und mit ihr auch die Probleme, die von ihr ausgehen – sowohl als invasive Art als auch als sogenannter Lästling, weil sie tagaktiv ist und Krankheitserreger übertragen kann.
Frage: Welche Krankheitserreger können diese Stechmücken übertragen?
Antwort Schmidt-Chanasit: Die Tigermücke kann eine ganze Reihe von exotischen Viren übertragen, etwa das Dengue-Virus, das Zika-Virus oder das Chikungunya-Virus. Der japanische Buschmoskito ist dagegen ein Vektor für das Westnil-Virus und das Virus der japanischen Enzephalitis. Die Gelbfiebermücke dagegen kann – wie es der Name schon sagt – das Gelbfiebervirus übertragen, ist aber auch ein sehr kompetenter Überträger des Dengue-Virus, des Zika-Virus und des Chikungunya-Virus. Mit diesen Viren werden wir uns in der Zukunft also auch in Europa auseinandersetzen müssen.
Frage: Wie unterscheiden sich invasive Stechmückenarten von heimischen Stechmücken?
Antwort Schmidt-Chanasit: Es gibt keine kategorischen Unterschiede, hier kann nur eine Unterscheidung von Art zu Art erfolgen. Nehmen wir die Tigermücke als Beispiel: Anders als die meisten einheimischen Arten, die eher dämmerungs- bzw. nachtaktiv sind, ist die Tigermücke auch tagaktiv. Wird man also tagsüber beim entspannten Cappuccino-Genuss im Außenrestaurant stark zerstochen, kann das ein Hinweis auf die Tigermücke sein. Anders als die heimischen Arten, die eher bräunlich bis gräulich gefärbt sind, ist sie außerdem tiefschwarz in ihrer Erscheinung, was sich sogar mit bloßem Auge erkennen lässt. Diese schwarze Färbung trifft auch auf einige andere invasive Arten zu und ist somit ein auffälliges Merkmal.
2. Ausbreitung invasiver Stechmücken
Frage: Welche Faktoren begünstigen die Ausbreitung invasiver Stechmückenarten?
Antwort Schmidt-Chanasit: Hier sind ganz klar der Klimawandel und die zunehmende Globalisierung zu nennen. Die weltweite Verbreitung der Asiatischen Tigermücke wurde zum Beispiel durch Altreifen und Lucky Bamboo ermöglicht.
Frage: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Verbreitung von Stechmücken?
Antwort Schmidt-Chanasit: Durch den Klimawandel kommt es in bestimmten Regionen zu höheren Temperaturen. Dadurch kann sich die Stechmücke schneller vermehren und die unterschiedlichen Zyklen – also von der Larve zur Puppe zur Stechmücke – schneller durchlaufen. Außerdem können sich Erreger in der Stechmücke schneller vermehren, wir sprechen dabei von der sogenannten extrinsischen Inkubationszeit. Diese Faktoren spielen nicht nur in Bezug auf die Stechmücken-Vermehrung eine Rolle, sondern auch bei der Ausbreitung von exotischen Infektionserregern.
Frage: Wie kann die Ausbreitung invasiver Stechmückenarten verhindert/eingedämmt werden?
Antwort Schmidt-Chanasit: Diese Herausforderung ist sehr komplex und erfordert unterschiedliche Maßnahmen. Zum einen ist die Aufklärung und Mithilfe der Bevölkerung entscheidend, um Brutplätze für invasive Arten zu reduzieren. Dazu gehört vor allem, Regentonnen, Blumentöpfe und volle Gießkannen zu entleeren bzw. abzudecken, um die Ei-Ablage im Wasser zu verhindern. Diese Maßnahmen müssen mit einer professionellen Bekämpfung einhergehen. Die Strategien dieser sogenannten Vektorkontrolle werden in vier Gruppen eingeteilt: biologisch, chemisch, umweltbedingt und mechanisch.
Frage: Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Antwort Schmidt-Chanasit: Es können etwa Insektizide eingesetzt werden oder bestimmte Toxine, die ausschließlich die Larven abtöten. Gelbfiebermücken können dagegen mit bestimmten Bakterien infiziert werden, damit sich die Viren nicht mehr replizieren. Auch eine Bestrahlung der Stechmücken ist möglich, um sie unfruchtbar zu machen. Oder eine Modifikation ihrer Lebensräume. Sie sehen: Es gibt zahlreiche Maßnahmen zur Vektorkontrolle, die aber alle sehr aufwändig und sehr teuer sind und regelmäßig gemacht werden müssen, um nachhaltig zu sein. Vor allem muss sie aber an der Wurzel ansetzen – also nicht bei den adulten Stechmücken, bei denen das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sondern ganz früh in der Entwicklung, bei den Larven.
Frage: Sind solche Maßnahmen in Deutschland schon im Einsatz?
Antwort Schmidt-Chanasit: Ja, in Deutschland ist dafür die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V., kurz KABS e.V., zuständig. Diese Organisation wird von Gemeinden finanziert, um einheimische, aber auch invasive Arten professionell zu bekämpfen.
Frage: Welche neuen Methoden zur Bekämpfung invasiver Stechmückenarten werden entwickelt?
Antwort Schmidt-Chanasit: Neu sind die Forschungsansätze zur gentechnischen Veränderung der Stechmücken. Das Ziel ist hierbei, Mücken gentechnisch so zu modifizieren, dass es zu einem Rückgang der Stechmücken-Population kommt. Die meisten anderen Maßnahmen sind schon seit vielen Jahrzehnten bekannt, werden aber fortlaufend angepasst. So wird zum Beispiel auch an neuen Insektiziden geforscht, gegen die es noch keine Resistenzen gibt.
3. Stichprävention
Frage: Welche Schutzmaßnahmen können ergriffen werden, um Stechmückenstiche zu verhindern?
Antwort Schmidt-Chanasit: Es gibt eine Vielzahl an Maßnahmen, mit denen man sich vor Stichen schützen kann. Als erstes sind hier Repellentien zu nennen, bei denen zwischen chemischen und pflanzlichen Repellentien unterschieden wird. Auch Barrieremaßnahmen wie Moskitonetze, Fliegengitter oder lange, helle und engmaschige Kleidung halten Stechmücken fern. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Methoden zur Mückenabwehr, etwa Raumvernebler, bestimmte Pflanzen oder Düfte.
Frage: Welche repellenten Mittel sind am effektivsten?
Antwort Schmidt-Chanasit: Am effektivsten sind chemische Repellentien, allen voran Diethyltoluamid, besser bekannt als DEET. Dieses chemische Insektenabwehrmittel wird seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Konzentrationen eingesetzt und hat nachweislich die beste Wirksamkeit. Auf zweiter Position folgt der Wirkstoff Icaridin, der sich ebenfalls als feste Größe beim Insektenschutz etabliert hat. Wer es natürlich mag, kann zu Eukalyptus citriodora Öl greifen, einem Wirkstoff aus dem Extrakt des Zitronen-Eukalyptus.
Frage: Welche Wirkung entfaltet der Wirkstoff DEET?
Antwort Schmidt-Chanasit: DEET wehrt Insekten ab, indem es einen schützenden Duftmantel auf der Haut ausbildet. Dieser Duftmantel sorgt dafür, dass blutsaugende Parasiten die „menschlichen Lockstoffe“ wie etwa Schweiß nicht mehr wahrnehmen können. Kurz: Die Stechmücke wird quasi vernebelt, findet ihr Ziel nicht mehr und Stiche und Bisse werden somit wirkungsvoll verhindert.
Frage: Wie können Sie im Hamburger Tropeninstitut die Wirkung von DEET bzw. Produkten mit dem Inhaltsstoff testen?
Antwort Schmidt-Chanasit: Dazu gibt es klare Handlungsanweisungen der WHO, damit die Ergebnisse international vergleichbar sind. Dazu wird der mit dem Produkt behandelte Unterarm für eine genau definierte Zeit gegenüber einer genau definierten Anzahl von Stechmücken exponiert. Die Anzahl der Stichversuche wird dann mit dem nicht mit einem Produkt behandelten Unterarm verglichen und statistisch ausgewertet.
Frage: In welcher Konzentration sollte DEET verwendet werden?
Antwort Schmidt-Chanasit: Das kommt darauf an, wo man ihn einsetzen will. Konzentrationen unter 20 % sind laut Experten nicht empfehlenswert, für Konzentrationen über 50 % konnte keine zusätzliche Schutzwirkung festgestellt werden. Hierzulande sind 30 % optimal, in den Tropen dürfen es auch 50 % sein.
Frage: Wie sollten Repellents angewendet werden, was ist dabei zu beachten?
Antwort Schmidt-Chanasit: Wichtig ist, dass Repellentien großflächig auf der Haut aufgetragen werden. Es sollten möglichst keine Hautstellen ausgelassen werden, denn diese stellen letztendlich Lücken in der Abwehr dar, die die Stechmücke zum Zustechen nutzen kann. Und bitte daran denken, dass Faktoren wie Schwimmen oder starkes Schwitzen zu einer Verringerung der Konzentration und damit auch zur Verringerung der Wirksamkeit führen können. Der Schutz sollte also entsprechend aufgefrischt werden.
4. Reisemedizinische Beratung
Frage: Welche Bedeutung hat die reisemedizinische Beratung, wenn es in die Tropen geht?
Antwort Schmidt-Chanasit: Jeder, der ins tropische Ausland fährt, sollte rechtzeitig vor Abreise unbedingt eine reisemedizinische Beratung in Anspruch nehmen. Dabei werden zum Beispiel notwendige Impfungen oder Malariaprophylaxe ausführlich besprochen. Und natürlich geht es auch um Stechmückenschutz oder Schutz gegen andere blutsaugende Insekten, Zecken oder Sandmücken. Die Beratung ist sehr detailliert und individuell, weil z.B. Reisestil und Vorerkrankungen miteinbezogen werden müssen.
5. Übertragung von Krankheitserregern
Frage: Wie werden Stechmücken überhaupt zum Überträger von Krankheitserregern?
Antwort Schmidt-Chanasit: Die Mücke nimmt den Erreger mit der Blutmahlzeit vom Menschen auf. Anschließend findet eine Virusreplikation, also eine Vermehrung des Erregers, in der Stechmücke statt. Bei der nächsten Blutmahlzeit kann der Erreger dann durch den Speichel der Stechmücke auf den nächsten Menschen übertragen werden.
Frage: Wenn die Stechmücke also erst einmal mit dem Virus infiziert ist, bleibt sie es folglich auch?
Antwort Schmidt-Chanasit: Das trifft nicht auf alle Stechmücken zu, bei der Tigermücke ist das aber der Fall. Hat sie beispielsweise das Dengue-Virus einmal aufgenommen, bleibt sie mit dem Dengue-Virus infiziert. Sie kann es sogar an ihre Nachkommen weitergeben, allerdings nur zu einem sehr, sehr geringen Prozentsatz. Wir sprechen hierbei von der sogenannten transovarialen Transmission.
Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass Erkrankungen durch bereits infizierte Stechmücken z.B. nach Europa „importiert“ werden?
Antwort Schmidt-Chanasit: Ja, diese Gefahr besteht, es können bereits infizierte Stechmücken verschleppt und bei uns importiert werden. Der übliche Weg ist aber, dass erkrankte Reiserückkehrer die Viren mitbringen und dann von den Tigermücken, die bereits hier sind, gestochen werden. Nach der Vermehrung der Viren in der Stechmücke kann der Erreger dann bei den folgenden Blutmahlzeiten der Stechmücken verbreitet werden.
6. Krankheitsfall
Frage: Auf welche Symptome sollte nach einem Stich geachtet werden?
Antwort Schmidt-Chanasit: Es gibt keine spezifischen Symptome, die eindeutig auf eine Infektionserkrankung durch einen Stechmückenstich hindeuten. Im Regelfall verlaufen Infektionen wie Malaria mit einer unspezifischen Symptomatik. Ein häufiges Symptom ist aber Fieber – wenn das innerhalb von ca. zwei Wochen nach einem Stich auftritt, sollte unbedingt ein Arzt konsultiert werden, unabhängig davon, woher der Stich stammt. Wer kürzlich im Ausland war, sollte das dem Arzt aber unbedingt mitteilen.
Frage: Was gilt es zu tun, wenn sich Symptome bemerkbar machen?
Antwort Schmidt-Chanait: Grundsätzlich gilt: Wenn nach einem Stich Symptome wie Fieber, Hautausschlag, Muskelschmerzen oder eine starke Schwellung auftreten, sollte immer der Hausarzt als erster Ansprechpartner aufgesucht werden. Sofern notwendig, kann dieser dann auch an den Tropenmediziner überweisen.
7. Gefahr durch invasive Stechmückenarten:
Frage: Wie schätzen Sie die Gefahr durch invasive Stechmückenarten in Deutschland und Europa ein?
Antwort Schmidt-Chanasit: Wir sehen eine zunehmende Ausbreitung und somit auch Gefährdung durch invasive Stechmückenarten in Europa. In der Folge bedeutet das mehr und mehr Fälle exotischer Infektionen, die in Europa auftreten. Dabei gehen wir aber von Einzelfällen oder kleineren Clustern aus – in Europa sind keine Zustände wie in tropischen Ländern zu erwarten, das funktioniert in Europa so noch nicht. Ausbrüche mit zehn, zwanzig Infizierten sind in Deutschland sicherlich im Rahmen dessen, was man erwarten kann. Mehr als das ist aber eher unrealistisch.
Frage: Warum?
Antwort Schmidt-Chanait: Bei uns ist eine Übertragung der Krankheitserreger durch Stechmücken nur in einem kleinen Zeitfenster von etwa Juli bis September möglich. Sowohl davor als auch danach sind die Umweltbedingungen in Deutschland und Europa für effektive Übertragungen ungeeignet.

